Der Findling von Heinrich von Kleist ist eine Novelle, die sich mit den dunklen Seiten des menschlichen Schicksals, des Zufalls und der Moral auseinandersetzt. Sie erzählt die Geschichte des wohlhabenden Kaufmanns Antonio Piachi, der in einer Geste der Barmherzigkeit den Waisenjungen Nicolo adoptiert, nachdem dessen Familie der Pest erlegen ist. Doch dieses scheinbar wohltätige Handeln hat verheerende Folgen für seine eigene Familie.
Ein zentraler Aspekt von Der Findling ist das Thema des zerstörerischen Schicksals und der Unvorhersehbarkeit menschlicher Handlungen. Die Novelle zeigt, wie Nicolos Anwesenheit langsam die Familie Piachi zerrüttet. Antonio und seine Frau betrachten Nicolo zunächst als ihren eigenen Sohn, doch das Schicksal schlägt unerbittlich zu: Misstrauen, Eifersucht und unkontrollierbare Leidenschaft führen schließlich zur Tragödie.
Die Sprache in Kleists Novelle ist geprägt von Klarheit und Präzision, sie unterstützt die emotionale Intensität und das psychologische Drama, das sich zwischen den Figuren entfaltet. Kleist schafft es meisterhaft, die innere Spannung der Charaktere durch eine scheinbar nüchterne Erzählweise zu intensivieren. Diese Distanziertheit verleiht der Handlung eine fast schon beklemmende Atmosphäre, da die Emotionen der Figuren oft unterdrückt werden, nur um schließlich in Katastrophen zu münden.