"Das Monster bin ich." Schauerroman meets Body Horror: Eine Opernsängerin nimmt im Kampf mit fragwürdigen Idealmaßen und ihren eigenen Dämonen monströse Züge an – mit ungeahnten Folgen. Isabella Vlcek, eine übergewichtige, essgestörte Opernsängerin ohne Engagements, sucht in einer psychiatrischen Klinik Heilung für sich und ihre Stimme. Als sie auf eine Clique eng verschworener trifft, die sie ablehnen und seltsame Rituale abhalten, brechen alte Traumata auf. Von Albträumen gequält, muss Isa mitansehen, wie ihr Körper sich verwandelt. Während sie mit ihrem neuen, monströsen Selbst kämpft, beginnt auch beim Rest der Gruppe die Verwandlung … Rhea Krčmářová schafft eine packende Reflexion über die Entfremdung vom eigenen Körper und den Preis virtueller Schönheitsnormen.
Schauerroman meets Body Horror: tiefe Einblicke in Anorexie, Bulimie und Fresssucht
Ein sehr ungewöhnlicher Roman mit einem innovativen Setting, zusätzlich eine außergewöhnliche Konzeption aller Figuren inklusive ihrer grandios tiefenpsychologisch analysierten Probleme und mit einem spannenden Drama in drei Akten, das mich bezüglich der Plotwendungen extrem verblüfft hat, aber nicht ganz so sehr, als dass die Handlung völlig unwahrscheinlich konzipiert wurde. Fast möchte ich hier eine sehr grausame, dramatische, und psychologisch tiefgehende Opernaufführung konstatieren, die mir ausnehmend gut gefallen hat.
Beim Thema Oper sind wir auch punktgenau, denn die Protagonistin Isabella ist eine Opernsängerin, die auf Grund ihrer Fresssucht in eine Essstörungsklinik in der Nähe von Wien eingewiesen wird. Dort trifft sie vor allem auf ANA-Teenager (Anorexiekranke) und MIAS (Bulimiekranke). Sie unterscheidet sich insofern von den restlichen Patienten, da sie als einzige dick ist und auch viel älter und gefestigter als die meisten anderen.
Eingeliefert wurde sie, weil in der heutigen Zeit sehr dicke Opernsängerinnen nicht mehr gefragt sind, es zählt nicht nur die Stimme, sondern auch das Aussehen. Daher bekam Bella immer weniger Engagements und ihre berühmte Gesangslehrerin wollte auch nur mehr unter der Bedingung, mit ihr zusammenarbeiten, dass sie ihre Fresssucht in den Griff bekommt. Eigentlich ist Isabella auch gelegentlich Bulimikerin, aber da sich das Erbrechen so schädlich auf ihre Stimme auswirkt, lässt sie es besser bleiben. Unsere Protagonistin stößt erst nachträglich zu der Therapiegruppe der Essgestörten und hat zweierlei Nachteile, sie ist die einzige Dicke in der Gruppe und die Gruppenbeziehungen zwischen den anderen haben sich zudem schon verfestigt. So wird sie als Fremdkörper und als fettes Monster gesehen, das keine Disziplin kennt.
Zu Beginn findet alles noch einigermaßen im Rahmen statt, man kann einander nicht unbedingt gut leiden, beschnuppert sich ein bisschen, ein paar Animositäten und auch ebenso Annäherungen treten auf. Mein Lesefreund Alexander war schon sehr gespannt, wie die gefestigte erwachsene Opernsängerin die Gruppe der Kids aufmischt. Doch weit gefehlt! Hier präsentiert uns die Autorin im zweiten Akt den ersten Plottwist, denn die ANA-Teenagergören mobben die fresssüchtige Opernsängerin so nachhaltig, dass sogar ihre Karriere in Gefahr ist. Als sie sich in völliger Verzweiflung ausnahmsweise der Bulimie hingibt, erkennen sie sie endlich als eine der Ihren an und wollen ihr das Abnehmen beibringen. Die erwachsene Protagonistin kippt da voll rein, findet aber nach und nach den Verstand wieder. Wie schwer es ist, gegen die Gruppe anzukommen, zeigt auch dass diese ANA- und MIA Anhängerinnen sogar dem Klinikpersonal und den Therapeuten auf der Nase herumtanzen, sie starten trotz aller Kontrollen und Therapie sogar eine Online-Verhungerchallenge.
Im dritten Akt führt die Autorin dann auch noch eine Pandemie ein, die vor allem die Therapeuten und das Klinikpersonal ausknockt. Die essgestörten Mädchen sind durch einige Manipulationen plötzlich völlig alleine ohne Aufsicht in der in Quarantäne befindlichen Klinik. In dieser Phase bewährt sich die erwachsene Protagonistin und sie kann einige Personen retten. Das spannende Finale, das einem Thriller gleicht, beinhaltet ein paar Elemente, die man fast schon der Fantasy zuordnen kann, aber sie sind glaubwürdig in den Plot eingewoben.
Was hier aus meiner Rezension bisher nicht hervorgeht, ist der Umstand, dass jede einzelne Figur ganz wundervoll tiefenpsychologisch gezeichnet ist, man erfährt tatsächlich, welche Traumata die Patienten dazu gebracht haben, sich bis auf die Knochen abzumagern oder auch wie Freunde, der Job und Social Media die Essstörung hervorgerufen, beziehungsweise befeuert haben. Das hat die Autorin ausgezeichnet umgesetzt. Auch von ihrer Sprachfabulierkunst bin ich sehr begeistert.
Fazit: Wärmste Leseempfehlung! Spannendes, anspruchsvolles, innovatives Psychodrama mit Thrillereffekten im Finale. Ich hab das Buch auf einen Haps verschlungen. (Analogie zur Fresssucht beabsichtigt 🙂 ) Zwei Anmerkungen möchte ich auch noch machen, der Titel Monstrosa ist wahrlich gut gewählt und passt wie maßgeschneidert auf die Protagonistin und die Klappentext Beschreibung ist auch so treffend, dass ich sie mir glatt vom Verlag für den ersten Teil der Überschrift „ausgeliehen“ habe 😉 .
Selbstfindungsoper im Institut für Essstörungen. Eine Opernsängerin haut auf den Putz und wirbelt das Leben der Mitinsassen herum. Eine wortgewandte Rhapsodie.
Rhea Krčmářová schreibt Bücher über Voluminositäten. In „Monstrosa“ lautet die Rahmenhandlung: eine Opernsängerin namens Isabella wird von ihrer weltbekannten Gesangslehrerin vor die Wahl gestellt, sich wegen Essstörungen in Behandlung zu begeben oder ihren Status als Schülerin und somit alle Chancen zu verlieren, sich noch einen Namen als Opernsängerin zu machen. Isabella beißt in den sauren Apfel, vermietet ihr Zimmer unter und weist sich selbst in das Klinikum Gertraudshöhe im Wienerwald ein:
Ich muss meine Spiegelung nicht sehen, angedeutet im Glas der Trenntüren zwischen Krankenstation und Stiegenhaus; in den Überresten des zersplitterten Spiegels im Therapieraum oder im kleinen Rund dessen, was einmal mein Schminkspiegel war. Das Monster bin ich.
Im ziemlich verlassenen Institut findet sie jedoch nur Magersüchtige, die an Anorexie und Bulimie leiden, und die sehr beleibte fröhliche Isabella ob ihrer offenkundigen Essfreude nicht leiden können:
Wir beobachten das Ungeheuer, diskret und voller Unglauben, diese feiste Medusa, deren Anblick uns zu Stein verwandeln könnte, oder noch schlimmer, zu Fett.
In „Monstrosa“ geht es einerseits um die Gruppendynamik, andererseits um die Selbstfindung der Ich-Erzählerin, die in Erzählgegenwart berichtet, während eine Art antikischer Chor ihr immer wieder ins Wort fällt. Isabella erinnert sich, kämpft mit sich, ringt mit ihren und den Dämonen der anderen:
Der Wald ein Dunkel, ein Hasten durch Schneeschichten. Ein Stehenbleiben. Im Innersten eine Leere, im Äußersten eine Kälte, ein Drang, zu verschlingen. Etwas. Alles. Überall. Zähne drücken gegen einen Mund. Aus dem Hungern wächst eine Wut. Kein Denken mehr, nur Suchen. Ein Atmen, ein Riechen. Ein Sich-leiten-Lassen, ein dunkles Sich-Erinnern.
In sehr abwechslungsreichen Passagen werden Innen- und Außenperspektiven, naturalistisches, surrealistisches Erzählen getauscht, miteinander in Beziehung gebracht und durch das Thema Musik zusammengehalten. Hier geht es um die Entwicklung eines lyrischen zu einem dramatischen Sopran, und das Crescendo begleitet den ganzen Text, bis Isabellas Stimme walkürenhaft die Welt zum Erzittern bringt. Da kann sie weder die Gruppendynamik, noch die Corona-Epidemie, noch die Trauer um Freunde und Freundinnen stoppen. Isabella nimmt Schwung und singt los, was das Zeug hergibt.
Krčmářovás „Der Zauberberg“-Miniatur überzeugt als eine Vermittlung von Olga Tokarczuks „Empusion“ mit Elfriede Jelineks „Winterreise“ und Rainold Goetz fetzigen, musikalischen, obgleich viel unausgeglichenerem „Irre. Roman.“. Rhea Krčmářovás Stil weiß, wohin er will, was er ausdrücken möchte. Die Verve setzt sich um und spendet Lesemut und Lesefreude, ein großes Mehr zum Leben und Ja zum Sein.
The setting in "Monstrosa" is a remote clinic for people with eating disorders. For reasons that are difficult to understand, the obese opera singer Isabella, the 32-year-old first-person narrator, is given a place in therapy together with patients suffering from anorexia and bulimia. In this respect, the conflict unfolds of its own accord. The novel often revolves around itself, treading water. The different positions on physicality are repeatedly discussed in the dialogues, although many of them are stereotypical platitudes. Isabella desperately tries to lose weight in order to enter social normality, the others starve themselves out of this normality in order to achieve the perverted, shadowy distortion of the social ideal of thinness, which is ultimately the skeleton of death.
In this process, the monsters stir within Isabella - weakness of will, hunger and everything that separates us from our true selves. At some point, the whole thing takes on the bizarre forms of a Cronenbergian mutation nightmare, with the sublimated body horror making its way into reality and correlating with the surreal atmosphere of the spreading pandemic.
The horror of the novel lies in the subject matter and less in its realisation. The depiction of the surreal is far too bold, too loud and often downright embarrassing. There are certainly passages where self-irony shines through, but there are also those where this balancing act fails. Ultimately, the horror level probably serves as a metaphor for the illness, as an illustration of the inner demons that one has to fight against. But the psychological dimension of eating disorders already contains so much horror that its monstrous reflection on the physical surface inevitably loses substance - in the truest sense of the word. Or to remain in the operatic jargon of the book: The quiet tones are usually more haunting than the loud ones.
Eine Art Schauerroman, kraftvoll und psychologisch, mit sehr starken Charakteren, die ihrer Kaputtheit entrinnen wollen oder auch gerade nicht. Ein geisterhafter Chor in einer abgehalfterten Klinik. Social Media auf der Höhe der Zeit. Vor was graust es einem mehr - vor der Welt wie sie ist oder den (eher zurückhaltend ausgeführten) übernatürlichen Elementen? Die Liebe zur Musik! Corona als Katalysator einer emanzipatorischen Metamorphose. Eine Heldin, die ich so bald nicht vergessen werde. Ein strenges Lektorat, das einige Redundanzen aus den sehr tief gehenden Beschreibungen der inneren Logik von Essstörungen gebügelt hätte, hätte dem Roman gut getan. Doch dafür ist es nie flach: Die Autorin verkauft ihr Thema nicht unter Wert, und das tut gut!
,,Ich. Habe. Eine. Essstörung. Was macht das aus mir, mit mir?"
Isabella, Sopranistin an der Oper, wiegt knapp 120 Kilogramm und leidet nicht nur unter ihrem hohen Gewicht, sondern auch an Binge-Eating-Anfällen. Arrangements bekommt sie nur noch selten, immer unverhohlener wird ihr dabei gesagt, dass ihr Körperumfang Grund für die Ablehnung ist. Also beschließt sie auf Anraten ihrer Gesangslehrerin, eine stationäre Therapie zu beginnen. Doch als sie in der Klinik ankommt, erlebt sie gleich den ersten Rückschlag: In ihrer Therapiegruppe sind alle anderen untergewichtig. Mias und Anas, wie sie sich selbst nennen, also Menschen mit Bulimie oder Anorexie. Isa ist ihre "Fatspo", das Bild eines Menschen, der sie selbst nie sein wollen. Sie unterstellen der Sängerin, nicht genügen Selbstdisziplin aufzuwenden und daher so dick zu sein. Und so beginnt ein Teil der Gruppe, fiese Mobbingattacken gegen Isa zu starten.
Rhea Krcmoarova ist mit ,,Monstrosa" ein grandioser Roman gelungen, in dem es ihr gelingt, das Leid verursacht durch verschiedene Formen der Essstörung sehr plastisch, aber auch mitfühlend zu berichten. Neben den offensichtlichen Krankheitsbildern wird in "Monstrosa" auch hinterfragt, warum dünn in unserer gesellschaft mit glücklich gleichgesetzt wird. Darüber hinaus geht es um Gruppendynamiken in stationärer Therapie und um die Frage, welchen Einfluss Social Media auf Essstörungen haben kann. Durch die schonungslose Erzählweise ist das nicht immer leicht auszuhalten. Ziemlich drastisch wird von blauen Flecken, herausstehenden Rippen und Kotzanfällen berichtet. Auch sollte das Buch nicht unbedingt von jemandem gelesen werden, der selbst unter einer Essstörung leidet - denn viele Szenen triggern potentiell. Allerdings gelingt es der Autorin so, ein schonungsloses Bild zu zeichnen, was dem Roman große Eindrücklichkeit verleiht.
Zwar ist das Ende der Geschichte, das mit dem Beginn der Corona-Pandemie zusammenfällt, etwas unrealistisch geraten. So kann ich mir zum Beispiel nicht vorstellen, dass die Eltern von minderjährigen Patienten in so einer Situation nicht zwingend Kontakt zu ihren Kindern herstellen wollen. Allerdings ist die Handlung des dritten Aktes mit magischem Realismus gespick, sodass sich dieser Schnitzer verzeihen lässt. Für mich ist ,,Monstrosa" damit auf jeden Fall eines der eindrücklichsten Bücher des Jahres.
Isabella ist mehrgewichtig und hat bereits 20 Jahre Diäterfahrung hinter sich. Sie war schon als Kind in Diätcamps und als es zu Binge-Eating-Anfällen kommt, nutzt sie anderen Maßnahmen - trotzdem steigt die Zahl auf der Waage immer weiter. Ihr Leidensdruck wird so groß, dass sie zur Klinge greift, was natürlich auch keine Erleichterung bringt. Das Einzige, was sie glücklich macht, ist das Singen. Darin ist so gut, dass sie Operngesang studierte, aber auch hier steht ihr Gewicht ihr im Weg. Sie muss abnehmen und vor allem ihre Essstörung in den Griff bekommen. Sie geht in eine Klinik, wo sie auf Anas und Mias trifft, Mädchen, Frauen und zwei Männer, die unter Magersucht und Ess-Brech-Sucht leiden. Sie sind eine eingeschworene Gruppe und Isabella wird zu ihrem Feindbild. „Monstosa“ von Rhea Krčmářová ist kein normaler Roman, er ist eine besondere Art des Horrorromans, der mich an die Klassiker erinnert, allerdings verortet in der Moderne mit seinen überzogenen Schönheitsidealen. Isabella verkörpert absolut, was eine mehrgewichtige Frau durchmachen, womit sie kämpfen muss, wie wenig sie akzeptiert wird. Auch die Anas und Mias verkörpern sehr gut die Krankheit, die dahintersteckt. Manchmal vielleicht auch zu sehr. Der Wahnsinn wird mehr als deutlich und dafür ist dieses spezielle Genre auf das man sich einlassen muss, ideal gewählt. Man merkt, dass Rhea Krčmářová Erfahrung mit Dramaturgie und Storytelling hat, sie bedient sich an klassischen Motiven, die sie für sich interpretiert und das fand ich sehr gelungen. Aber für eine Person, die Erfahrung mit diesen Themen hat, ist das Buch auch sehr herausfordernd und ich hätte mir tatsächlich eine deutliche Triggerwarnung gewünscht, auch wenn der Klappentext darauf hindeutet.
Sehr gutes Buch. Ganz schwierige Themen wie Essstörung, Mobbing, Selbstverletzung verständlich und einfühlsam in eine Geschichte eingepackt. Auch sehr toller, abwechslungsreicher Stil, der die Handlung und Emotionen der Figuren unterstützt. Hat mich nachhaltig beeindruckt und wird mir noch lange im Kopf bleiben. Ist aber auch wirklich sehr hart, daher nur lesen, wenn Mensch stabil ist.
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