IM NAMEN DER WAHRHEIT
Raphaela Edelbauers „Die echte Wirklichkeit“ ist ein Roman, der sich weniger für klassische Dramaturgie interessiert als für das, was unter der Oberfläche der Erzählung arbeitet: Wahrheit, Erkenntnis, Erinnerung und die Frage, ob das, was wir Wirklichkeit nennen, etwas Festes ist – oder etwas, das wir ständig neu herstellen.
Im Zentrum steht Byproxy, die Ich-Erzählerin, die mit Rollstuhl, Laptop und zwei Koffern durch Wien treibt und schließlich bei der philosophischen Aktivist*innengruppe Aletheia landet. Diese kämpft gegen Fake News und „alternative Fakten“ und versteht Wahrheit als etwas Absolutes, das man notfalls auch performativ, künstlerisch und radikal verteidigen muss. Parallel dazu entfaltet sich eine zweite Zeitebene: die Geschichte vor dem Autounfall, die Beziehung zu Petra – oder Dorothee – und jene schleichende Verschiebung, bei der nicht mehr klar ist, wer hier eigentlich wessen Rolle übernommen hat und wessen Geschichte weiterlebt.
Formal ist das klug gebaut: Gegenwart und Vergangenheit greifen ineinander, ohne sich sauber trennen zu lassen. Genau darin liegt eine der großen Stärken des Romans, denn auch Wahrheit und Erinnerung erscheinen hier nicht als feste Größen, sondern als etwas, das erzählt, verformt und immer wieder neu gerahmt wird.
Die eigentliche Handlung – das Leben in der Kommune, die Dynamik der Gruppe, die Vorbereitung der „großen Aktion“ – blieb für mich eher im Hintergrund. Die Figuren sind skurril, manchmal bewusst unsympathisch, besonders Byproxy selbst, die ständig beobachtet, kalkuliert und ihre Wirkung auf andere mitdenkt. Man folgt ihr weniger aus Nähe als aus einer Art fasziniertem Unbehagen. Der Plot trägt, aber er ist nicht das, was dieses Buch für mich stark macht.
Besonders eindrücklich fand ich, wie Edelbauer Wahrheit nicht nur als philosophisches Konzept, sondern als etwas Gewordenes denkt. Die Passagen zur Evolutionsbiologie haben mich unerwartet tief ins Nachdenken gezogen: die Vorstellung, dass unser Denken, Wahrnehmen und Urteilen selbst Produkte einer langen biologischen Geschichte sind, dass in unseren Körpern und Sinnen eine Vergangenheit weiterarbeitet, die weit vor uns begonnen hat. Gleichzeitig stellt der Roman die Frage, ob wir Wirklichkeit einfach erleben – oder ob wir sie ständig „spielen“. Dass Byproxy als Spieleentwicklerin in Logiken von Simulation, Strategie und Rückwärtsbewegung denkt, verleiht dieser Frage eine zusätzliche Ebene: Die Welt erscheint hier nicht nur als etwas, das ist, sondern auch als etwas, das entworfen, ausprobiert und immer wieder neu zusammengesetzt wird.
Erstaunlich ist dabei, wie wenig überladen das wirkt. Trotz der Fülle an Themen bleibt der Text beweglich. Die Sprache ist literarisch, präzise und stellenweise anspruchsvoll, aber nie selbstverliebt. Ein gewisses Interesse an Philosophie hilft, ist aber keine Voraussetzung – wichtiger ist die Bereitschaft, sich auf ein Buch einzulassen, das nicht nur erzählen, sondern Denken in Gang setzen will.
Im Vergleich zu „Das flüssige Land“, das mich inhaltlich weniger erreicht hat, ist „Die echte Wirklichkeit„ für mich ein klares Highlight. Nicht, weil die Geschichte spektakulärer wäre, sondern weil die gedankliche und sprachliche Dichte eine andere ist. Dieses Buch bleibt nicht an der Oberfläche. Es arbeitet nach, lange nachdem man es zugeklappt hat.
Man kann Sachbücher über Wahrheit, Erkenntnis oder Evolutionsbiologie lesen – und das ist gut und wichtig. Aber was Edelbauer hier gelingt, ist etwas anderes: Sie macht aus diesen Fragen Literatur. Und genau das hat mich fasziniert.