Walter Moers' 10. Zamonienbuch ist ein Briefroman. Der Protagonist des Hits "Die Stadt der Träumenden Bücher" und seither Autor aller Zamonienromane, die Moers netterweise aus dem Zamonischen für uns übersetzt, schrieb während seines Kuraufenthalts auf der vulkanischen Insel Eydernorn an einen Freund, doch war der Schiffsverkehr gestört und er konnte die Briefe nicht absenden. So ergibt sich die Form dieses Romans.
Moers probiert sich gerne aus und vielleicht ist das sehr gemächliche Erzähltempo darauf zurückzuführen, dass es eben etwas Neues ist. Leser bekommen hier Dünenspaziergänge, Museumsbesuche, Behandlungen im Sanatorium, Restaurants, örtliche Flora und Fauna, Leuchtturmbesichtigungen, Expeditionen und auch Kraakenfieken, den beliebten, golfähnlichen Sport von Eydernorn. Ja, man lernt die Insel intensiv kennen und bekommt einen deutlichen Sinn für das Setting - Nordseeinsel vermischt mit Lanzarote. Küstengnome sprechen einen breiten nordischen Dialekt. Schwarzer Sand, Bimsstein. Der Plot ist dabei recht dünn beziehungsweise sieht auch lange dünn aus, denn obwohl signifikante Ereignisse passieren, erfahren das Mythenmetz und die Leser nicht direkt - sie können durchaus erahnen, dass im Hintergrund Ränke geschmiedet werden, aber Mythenmetz bleibt ein Tourist, ein Beobachter, und dazu noch einer, der verständlicherweise eigene Interessen hat und sich nicht unnötig einmischen will. Das macht die Erfahrung potentiell frustrierend, bis im letzten Viertel endlich mehr und mehr offengelegt wird. Erklärungen bleiben mitunter knapp und man hat genug Raum, sich einige Ereignisse selbst zusammenzupuzzlen, ohne sich dafür allzu sehr verbiegen zu müssen. Es muss einem nur klar sein, dass man es hier mit einem Slowburner zu tun hat - teilweise wörtlicher zu verstehen, als ich jetzt ausführen werde. Moers strapaziert seine Leser mit 450 Seiten Aufbau - eine Dauer, die nicht jeder mitgehen wird.
Was Moers weiterhin klasse beherrscht, ist sein Fabulieren. Seine Prosa tanzt und fließt und meckert und ärgert sich. Das ist gewohnt stark und wahrscheinlich sein schriftstellerischer Hauptfokus, neben den skurrilen Gestalten und Ideen. Bis kurz vor dem Ende könnte man glatt glauben, dass diese nicht alle wirklich relevant seien, bis sie es am Ende dann doch waren. Dieses Auftrumpfen am Ende werden Kenner auch aus "Der Schrecksenmeister" kennen, seinem vielleicht am besten erzählten Roman. Moers kann es also noch.
Nur bleibt die Frage zurück: Kann er es auch noch auf ganzer Strecke, wie in besagtem Roman? Kann Moers auch Abenteuer noch, wie in "Rumo und die Wunder im Dunkeln"?
"Die Insel der Tausend Leuchttürme" kann durchaus mit seinen stärksten Romanen mithalten, wenn man vom Anspruch auf Dauerspannung absieht und den Roman als das annimmt, was er ist. Wenn man das nicht tut, tritt er immerhin an die Spitze von Moers' zweiter Riege.
Was am Ende zurückbleibt, ist jedenfalls die Sehnsucht nach Eydernorn, der Wunsch nach einem flotteren Buch (als Abwechslung in einer gesunden Leseernährung), die Motivation, wie Mythenmetz mal mit dem Bleistift zu kritzeln, und das Wissen, nicht alleine zu sein. Und das ist doch schon einiges.