Beschäftigt man sich ein wenig mit der japanischen Manga- und Animekultur dauert es nicht lange, bis man unweigerlich über Akira stolpert. Akira gilt als der erste Manga, der gezielt ein erwachsenes Publikum angesprochen hat und dem Erfolg der gesamten Manga-Sparte in westlichen Ländern den Weg geebnet hat. Es ist außerdem die erste Manga-Serie, die vollständig auf Deutsch veröffentlicht wurde. Die Entstehung des Mangas (1982-1990) wurde unterbrochen, als Otomo den zugehörigen Anime-Film im Jahre 1988 schuf. Auch er ist ein Meilenstein des Genres und heute, wage ich zu behaupten, kennt jeder Anime-Fan diesen Film. Seit ich den Film das erste Mal vor einigen Jahren gesehen habe, wollte ich den zugrundeliegenden Manga lesen. Ich habe mir die schöne, vollständig kolorierte Sammleredition besorgt, die der Carlsen Verlag anlässlich des 25-jährigen Akira-Jubiläums in 2016 herausgebracht hat. Mit über 8 Kilogramm und mehr als 2000 Seiten ist das schon eine Ansage! Ich habe mich jedenfalls hineingestürzt.
Das durch den Dritten Weltkrieg komplett vernichtete Tokyo wird im Jahr 2019 als Neo-Tokyo wiederaufgebaut. Banden kämpfen um Gebiete und Vorherrschaft, und die jugendlichen Freunde Kaneda und Tetsuo sind mittendrin. Eines Nachts trifft Tetsuo bei einer ihrer üblichen Motorradfahrten auf ein alt aussehendes Kind mit übernatürlichen Fähigkeiten. Auch Tetsuo beginnt danach, ähnliche Kräfte um sich herum festzustellen – bspw. kann er Gegenstände telepathisch bewegen, wenn er sich genug konzentriert. Die folgenden Kopfschmerzen sind nur durch namenlose Drogen in Tablettenform auszuhalten, die sich Tetsuo in besorgniserregendem Ausmaß reinwirft. Durch den Zwischenfall wird das Militär, hauptsächlich durch den markanten Colonel repräsentiert, auf Tetsuo aufmerksam und versucht ihn in seine Kontrolle zu bekommen. Tetsuo jedoch fühlt sich von seinen alten Freunden entfremdet und flieht zu einer anderen Bande, bei der er zum ersten Mal mit seinen Fähigkeiten tötet, um seine Macht zu demonstrieren.
Kaneda trifft währenddessen auf Kei von einer terroristischen Untergrundbewegung und möchte mehr über den geheimnisvollen Jungen herausfinden, der offenbar die Freisetzung der Fähigkeiten in Tetsuo zu verantworten hat. Kei und ihre Mitstreiter Ryu und Nezu bespitzeln das Militär und bekommen schließlich Wind von einem Projekt namens „Akira“. Alle scheinen von größter Furcht erfasst zu sein, sobald die Sprache auf das Projekt kommt, was die Neugierde von Kaneda und den anderen nur umso mehr anstachelt. Inzwischen ist Tetsuo von seinen Kräften so sehr überzeugt, dass er in ganz Neo-Tokyo mit seiner Bande gegen alle anderen Banden und auch gegen das Militär kämpft.
Man erfährt, dass das Militär an mehreren Gruppen von Kindern Experimente durchgeführt hat, wobei die übernatürlichen Fähigkeiten erforscht werden sollten. Von diesen Kindern haben nur wenige überlebt. Eines der Kinder hieß Akira, und es hatte so stärke Kräfte, dass deren Freisetzung ebenjene Zerstörung von Tokyo herbeigeführt hatte, die schließlich den Neubau der Stadt erforderlich machte. Weil die Forscher sich nicht anders zu helfen wussten, wurde Akira in einen Kälteschlaf versetzt, bis Tetsuo sich den gewaltsamen Weg zu dieser Kältezelle bahnt und Akira befreit. Akira, nunmehr erwacht und unkontrolliert, sorgt für Schrecken und Angst in den Köpfen aller Projektbeteiligten angesichts der drohenden Gefahr, sollte er erneut seine Kräfte freisetzen.
Da nun so viele Parteien erbittert um die Kontrolle von Akira kämpfen (Kaneda, die Gruppe um Nezu/Mutter Miyako, die Forscher/das Militär, Tetsuo) und dabei die steigenden Kräfte von Tetsuo eine noch größere Gefahr zu werden drohen, entfaltet sich ein komplexes Gespann aus Figurenbeziehungen. Eigene, verborgene Motive der einzelnen Figuren kommen in unangekündigten impulsiven Handlungen zum Vorschein, es wird zusammengearbeitet und gegeneinander gekämpft. Es geschieht, was alle fürchten: Akiras Kräfte erwachen vollends und zerstören Neo-Tokyo in weiten Teilen erneut.
In großen, dialoglosen Bildeinstellungen über mehrere Seiten hinweg kostet Otomo aus, wie die Stadt zerstört wird. Nach der Zerstörung herrscht das von Tetsuo und Akira geführte „Große Reich von Tokyo“. Sie haben eine fanatische, kampfbereite Gefolgschaft um sich versammelt, die ihnen alle Wünsche erfüllt und von der die beiden angebetet werden. Währenddessen formieren sich die Überlebenden im Untergrund neu und versuchen neue Wege zu finden, Tetsuo zu stoppen und Akira unter Kontrolle zu bekommen. Eine Schlüsselrolle in diesem Teil der Geschichte spielt Mutter Miyako, die ihre Erkenntnisse über die Fähigkeiten an Kaneda und Kei weitergibt und an einer Stelle auch wohlmeinend mit Tetsuo spricht. Auch die Amerikaner beginnen sich nun einzumischen, indem sie eine Forschergruppe bestehend aus prestigeträchtigsten Akademikern auf das Projekt Akira ansetzen.
In dieser Weltuntergangsstimmung schaukeln sich alle Parteien hoffnungslos in immer noch höhere Höhen, es wird pausenlos gekämpft und getötet, gewonnen und verloren. Auch der Colonel taucht wieder auf und mischt nun fleißig auf der Seite von Kaneda und Kei mit, während Tetsuos Kräfte stärker und stärker werden. Ob und wie es den Parteien am Ende gelingt, mit Tetsuo und Akira klarzukommen, sollte hier am besten von Interessierten selbst herausgefunden werden. Vor allem der Film ist hierbei ja eine sehr gute Anlaufstelle, die nicht gerade das Lesen von über 2000 Seiten erfordert.
Bezeichnend für Akira sind wohl vor allem die ständig vorhandene und sofort eskalierende Gewalt, die Komplexität der vielen Parteien und Figurenbeziehungen zueinander mitsamt all ihrer Beweggründe, die bereits erwähnten dialoglosen Szenen in gigantischen Bildern, die grenzenlose Detailverliebtheit im Zeichenstil Otomos und nicht zuletzt diese grandiose Science-Fiction-Story, die meiner Auffasung nach im Grunde eine Geschichte von Freundschaft (Kei-Kaneda-Tetsuo-Kaori), Liebe und der jugendlichen Suche nach einem Platz in der Gesellschaft erzählt. Ich finde auch, dass Otomo sehr stark den Techniken des Films verpflichtet ist. Vor allem in den Bildperspektiven, was ja irgendwie der Kameraführung entspricht, und den Kachelübergängen fühlte ich mich nicht selten just so als würde ich den Film sehen. Auch die schnelle Erzählweise ist bemerkenswert: Hier passieren Kämpfe und Ereignisse Schlag auf Schlag, Szenen werden wechselnd und parallel zueinander weitergesponnen. Das sorgt wiederum dafür, dass die eher selteneren dialoglosen Szenen sich wirklich wie ein Durchatmen anfühlen, oder wie ein abgeschlossener Akt.
Gestört hat mich eigentlich nur, dass für meinen Geschmack zu viele Kampfszenen enthalten waren. Ich denke, man hätte gut und gerne einige davon streichen oder kürzen können, denn im Grunde explodiert oder schießt auf fast jeder Seite irgendwas oder irgendwer. Diese übertriebene Action hat es für mich dann schwerer nachvollziehbar gemacht, dass die Schlüsselfiguren allesamt so ohne weiteres bis zum Ende überleben können, obwohl sie ja auch nur alle Menschen sind. Noch dazu „Laien“, die ständig Militär konfrontieren. Aber vermutlich gehört das eben zum Konzept und realistisch möchte es gar nicht sein. Ein weiterer Punkt, der mich stutzig gemacht hat, war die Rolle von Kaori. Sie hat die Geschichte als verliebte Bezugsperson von Tetsuo nochmal enorm aufgewertet, aber ich fand es nicht nachvollziehbar, wie schnell sie diese Rolle eingenommen hat, nachdem Tetsuo sie ursprünglich als eine von drei anderen jungen Frauen im Grunde vergewaltigen wollte.
Akira ist und bleibt jedenfalls ein Meilenstein, der auch heute noch hervorragend bestehen kann. Die zeitlose Kraft des Storytellings hat nicht nachgelassen und Otomos Zeichenstil ist einfach der Wahnsinn. Es ist in allen vorhin erwähnten bemerkenswerten Punkten so befriedigend, in die Welt von Akira einzutauchen, da sie so konsequent, so schlüssig erzählt und gezeichnet ist. Den Film habe ich kurz danach auch nochmal angesehen und festgestellt, dass hier fast eine gänzlich andere und natürlich extremst gekürzte Geschichte erzählt wird. Schlecht ist auch diese keineswegs, aber im Manga passiert so viel mehr und/oder anders, dass es schon erstaunlich ist. Bspw. tritt Akira im Film als Person nur an einer Stelle andeutungsweise auf, als die Glasgefäße zerbrechen; im Manga kommt Akira bereits als lebendiger kleiner Junge aus der Kältezelle und ist als Person danach ständig präsent. Oder Takashi, der ältliche Junge, dem Tetsuo ganz am Anfang begegnet - er wird im Manga von Nezu erschossen, während Nezu und Miyagi im Anime nur beiläufig auftauchen und Takashi bis zuletzt am Kampf gegen Tetsuo mitwirkt. Schlecht ist der Film keineswegs! Es ist eindeutig Otomos Handschrift, aber die Geschichte, wie sie im Manga erzählt wird, hat mir doch um einiges besser gefallen, da sie an Komplexität völlig außer Konkurrenz zum Film ist. Damit bleibt mir nichts weiter als die uneingeschränkte Filmempfehlung an alle Interessierten, und wenn dann weiteres Interesse da ist, lohnt sich der Manga ohne jeden Zweifel auch noch.