Die Kapitelübersicht ist in einem kreisförmigen Weg angelegt.
Es startet mit der zellulären Autopoiese – zur Organisation der Metazeller und deren Verhaltensweise – zur operationalen Geschlossenheit des Nervensystems, bishin zur Sprache, über die wir die Erklärung für das Erkennen des Erkennens erzeugen können.
Es gibt keinen festen Bezugspunkt oder Ausgangspunkt von wo das Erkennen startet. Maturana möchte damit veranschaulichen, dass wir von Interaktion zu Interaktion in diesen Kreis verwoben sind, der unser Sein in einem Werden charakterisiert.
Mit dem Begriff der Autopoiesis steigt Maturana früh im Buch ein und liefert DEN Begriff, der Luhmann's Systemtheorie durchzieht.
"Die eigentümlichste Charakteristik eines autopoietischen Systems ist, daß es sich sozusagen an seinen eigenen Schnürsenkeln emporzieht und sich mittels seiner eigenen Dynamik als unterschiedlich vom umliegenden Milieu konstituiert."
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"Ein Lebewesen ist durch seine autopoietische Organisation charakterisiert."
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"So spezifizieren die autopoietischen Einheiten die biologische Phänomenologie als die ihnen eigene Phänomenologie mit Charakteristika, die von denen der physikalischen Phänomenologie verschieden sind. Dies ist nicht etwa so, weil die autopoietischen Einheiten irgendeinem Aspekt der physikalischen Phänomenologie widersprechen; da sie molekulare Komponenten haben, müssen sie auch die gesamte physikalische Gesetzlichkeit erfüllen. Vielmehr hängen die Phänomene, die autopoietische Einheiten in ihrem Operieren erzeugen, von der Organisation der Einheit ab und von der Art, wie diese verwirklicht wird, und nicht von den physikalischen Eigenschaften ihrer Bestandteile, welche nur den Raum ihrer Existenz bestimmen.
Wenn deshalb eine Zelle mit einem Molekül X interagiert und es in ihre Prozesse einbezieht, ist die Konsequenz dieser Interaktion nicht durch die Eigenschaften des Moleküls X bestimmt, sondern durch die Art, wie dieses Molekül von der Zelle bei dessen einbeziehen in ihrer autopoietischen Dynamik gesehen beziehungsweise genommen wird."
Autopoiesis: Ein System das sich selbst hervorbringt und selbst erhält. Es grenzt sich von seiner Umwelt ab. Und hier, denke ich, ist der Kerngedanke der, dass dies durch die innere Dynamik geschieht. Es gibt kein Außen, dass bestimmt welche Veränderungen statt finden.
Das Buch erarbeitet, die strukturelle Koppelung von Umwelt und Lebewesen. Die Umwelt löst Störungen (Pertubationen) aus, die zu Veränderungen in der Funktionsweise oder Struktur führt.
Umgekehrt löst der Organismus im Mileu Veränderungen aus, ohne es zu bestimmen.
Beide Seiten lösen Strukturveränderungen aus, die aber die jeweilige Eigenständigkeit bewahren.
"Solange die Einheit nicht in eine destruktive Interaktion mit ihrem Milieu eintritt, werden wir als Beobachter zwischen der Struktur des Milieus und derjenigen der Einheit eine Verträglichkeit (Kompatibilität bzw. Kommensurabilität) feststellen. Solange diese Verträglichkeit vorliegt, wirken Milieu und Einheit füreinander als gegenseitige Quellen von Perturbation, und sie lösen gegenseitig beim jeweils anderen Zustandsveränderungen aus - ein ständiger Prozeß, den wir als strukturelle Koppelung bezeichnet haben."
Seine Sichtweise auf Evolution war dementsprechend für mich erhellend.
Die Zitate im folgenden untermauen nochmals den zuvor erwähnten Gedanken, dass die Umwelt nicht deterministisch wirkt, sondern es immer darum geht die eigene Organisation aufrecht zu erhalten.
Und auch nicht der gewinnt und überlebt, der qualitativ das Beste Gesamtpaket mitbringt.
Das wäre nämlich wieder eine Beurteilung eines Beobachters, der mit Werten und einer bestimmten Beziehung rumjongliert, die außer Acht lässt, dass nur die innere Organisation des Lebewesens bestimmt, wie es auf seine Umwelt reagiert.
Es geht nur darum sich anzupassen. Wie, ist völlig egal. Lebt der Organismus? Ja. Dann ist er angepasst.
"Jede Ontogenese als die individuelle Geschichte strukturellen Wandels ist ein Driften von Strukturveränderung unter Konstanthaltung der Organisation und daher unter Erhaltung der Anpassung."
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"Wir sehen die Evolution hier als ein strukturelles Driften bei fortwährender phylogenetischer Selektion. Dabei gibt es keinen «Fortschritt» im Sinne einer Optimierung der Nutzung der Umwelt, sondern nur die Erhaltung der Anpassung und Autopoiese in einem Prozeß, in dem Organismus und Umwelt in dauernder Strukturkoppelung bleiben."
…
"Fassen wir zusammen: Die Evolution ist ein natürliches Driften, ein Ergebnis der Erhaltung von Autopoiese und Anpassung. Wie im Fall der Wassertropfen ist keine äußere lenkende Kraft notwendig, um die von uns gesehene Vielfalt und Komplementarität zwischen Organismus und Milieu zu erzeugen. Wir müssen auch keine lenkende Kraft annehmen, damit wir die Richtung der Variationen innerhalb einer Abstammungslinie erklären können. Und schließlich ist es auch nicht so, daß im Verlauf der Evolution irgendeine besondere Qualität der Lebewesen optimiert wird.
Die Evolution ähnelt eher einem wandernden Künstler, der auf der Welt spazierengeht und hier einen Faden, da eine Blechdose, dort ein Stück Holz aufhebt und diese derart zusammenstellt, wie ihre Struktur und die Umstände es erlauben, ohne einen weiteren Grund zu haben, als den daß er sie so zusammenstellen kann. Und so entstehen während seiner Wanderung die kompliziertesten Formen aus harmonisch verbundenen Teilen, Formen, die keinem Entwurf folgen, sondern einem natürlichen Driften entstammen. Genau so sind wir alle entstanden, ohne einem anderen Gesetz zu folgen, als dem der Erhaltung einer Identität und der Fähigkeit zur Fortpflanzung."
Maturana plädiert dafür das Nervensystem als „durch ihre internen Relationen definierte Einheit, als eine Einheit mit operationaler Geschlossenheit“ zu betrachten.
Damit stellt er sich gegen den repräsentatorischen Ansatz.
Dh. die Störung von Außen ist keine Information die empfangen wird, die beim Lernen verinnerlicht wird.
Von außen betrachtet sieht es so aus, als hätte das Nervensystem etwas aufgenommen oder gelernt. Aber das ist nur unsere Beobachterbeschreibung. Im System selbst gibt es kein Abbild der Umwelt, sondern nur fortlaufende Anpassung durch innere Veränderungen.
Er schließt seine Gedanken im Kapitel über das Nervensystem mit einem Aphorismus:
"Leben ist Erkennen (Leben ist effektive Handlung im Existieren als Lebewesen).
Im Prinzip reicht dies aus, um die Beteiligung des Nervensystems an allen kognitiven Dimensionen zu beschreiben."
Mein Merksatz: Menschliches Erkennen als wirksames Handeln.
Am Ende kommt er auf die Kommunikation und soziale Systeme zu sprechen.
Die Sprache ist die Eigenheit eines soziales System. Sie erweitert die Eigenschaften der Mitglieder.
Handeln wird über Sprache koordiniert. Und hierüber findet soziales Lernen statt.
Maturana bezeichnet Sprache als "neue Dimension der operationalen Kohärenz unseres gemeinsamen In-der-Sprache-Seins […], das was wir als Bewusstsein oder als unseren Geist und unser Ich erfahren."
Auch hier wird wieder klar, dass Kommunikation kein Empfangen und Senden von Informationen darstellt, sondern dass sie Teil eines fortlaufenden gemeinsamen Veränderungsprozesses ist, in dem wir miteinander verbunden sind und unser Handeln aufeinander abstimmen.
Und in diesem Abstimmen der Handlungen entsteht die Erfahrung. Meist merken wir erst wie sehr die Erfahrung von der Verbindung zur Kommunikation abhängt, wenn Kommunikation misslingt.
Wenn also die Koppelung zusammenbricht.
Durch Sprache bringen wir laut Maturana eine Welt hervor, die wir miteinander teilen.