Dieser autobiografische Roman der Französin Brigitte Giraud hat 2022 den Prix Goncourt gewonnen, den größten französischen Buchpreis (was für mich ein wahres Gütesiegel ist, da ich noch nie ein Buch gelesen habe, dass den Preis verliehen bekam und ich nicht mochte. Daher habe ich auch den Plan entwickelt, nach und nach alle Prix-Goncourt-Bücher zu lesen und bin aus ebenjenem Grund auf dieses Schätzchen hier gestoßen).
Vor über 20 Jahren, im Sommer 1999, hat Brigitte ihren Mann Claude verloren bei einem Motorradunfall - ein harter Schicksalsschlag für die junge Frau, denn sie stand fortan alleine da mit ihrem Sohn. Ganz kurz davor hatten die beiden ein Haus gekauft und nur drei Tage nach diesem Unfall musste sie dann dort einziehen mit ihrem gemeinsamen Sohn, der zu diesem Zeitpunkt 6 Jahre alt war. Dieses Haus war ihr gemeinsamer Traum, umso schwerer fällt es ihr, dort nun als unvollständige Familie einzuziehen. Die Frage, wer die Schuld an diesem Unfall trägt, ist nicht geklärt.
Über 20 Jahre später startet dieses Buch. Brigitte muss dieses Haus verkaufen, weil ein Bauunternehmen das Grundstück gekauft hat und es abreißen lassen will. Für Brigitte fühlt es sich an, als würde sie ihre Seele verkaufen und vielleicht auch die von Claude, weil es eben der letzte gemeinsame große Schritt war, dieses Haus zu kaufen. Und genau deswegen ist dieser Zwangsverkauf für sie auch der Auslöser gedanklich zurückzukehren ins Jahr 1999. Und sie beginnt den Tag von Claudes Tod akribisch zu rekonstruieren mit der Frage, was diesen Unfall hätte verhindern können. Sie wählt dafür eine spannende Herangehensweise und zwar die der „Wenns“, 23 an der Zahl. Zum Beispiel „Wenn mein Großvater sich nicht umgebracht hätte“ - denn von ihm hatten sie das Geld geerbt, mit dem sie das Haus bezahlt haben. Oder auch „Wenn mein Bruder nicht plötzlich eine Woche Urlaub genommen hätte“, denn ihm gehörte das Motorrad, das er bei Claude und Brigitte abgestellt hatte, das Unfallmotorrad. „Wenn ich Claude angerufen hätte, wie ich es hätte tun sollen, anstatt mir Elaines neue Liebesgeschichten anzuhören“ dann hätte Brigitte ihm gesagt, er müsse den Sohn nicht von der Schule abholen, was wahrscheinlich alles geändert hätte. Es ist Wahnsinn, sich zu überlegen, was alles hätte passieren bzw. nicht hätte passieren dürfen, um diesen Unfall zu verhindern. Sie klamüsert die allerkleinsten Details dieses Tages auseinander und macht sie zum Anlass verhindern zu können, dass Claude stirbt. Dabei gibt die Autorin ganz viele Einblicke in die damalige Zeit und ihr gemeinsames Leben mit Claude und welch eine Lücke sein Tod in ihr Leben gerissen hat. Eigentlich ist dieses Buch eine große Suche nach dem Schuldigen und macht bewusst, dass jeder kleine Minischritt den Verlauf hätte ändern können.
Ich finde dieses Buch ganz besonders mutig, da ich es als eine Form der Trauerbewältigung gelesen habe, die sie hier mit uns teilt. Es ist ein Buch über das Leben, aber auch im Speziellen über die Liebe. Doch wo führt es hin, wirklich jedem „Was wäre, wenn“ nachzugehen?! Ist dies eine sinnvolle Bewältigungsstrategie bzw. inwiefern kann es helfen, mit der eigenen Trauer umzugehen?! Muss man wirklich jeden einzelnen Schritt nachvollziehen, der zu einem Tod geführt hat, um damit abschließen zu können?! Brigitte Giraud bleibt uns diese Antwort nicht schuldig und ich bin dankbar für diese Erkenntnis, die sie mir mit auf meinen Lebensweg gegeben hat. Lest es, wenn ihr auch in irgendeiner Weise mit dem Schicksal oder dem Tod eines geliebten Menschen hadert. Ich verspreche: Es lohnt sich!