Matt Ruff hat mit diesem Buch einen unterhaltsamen Roman über Identität im Zeitalter der Online-Rollenspiele geliefert. Da ich selbst kein Gamer bin, konnte ich jedoch diesem, auf dem Backcover gefeiertem "Geek-Gold" nicht so viel abgewinnen, wie es ein echter Fan der "Massively Multiplayer Online Roleplaying Games" (MMORPG) es wohl tun würde. Dennoch konnte ich mich auch nicht der Faszination dieses Romans, der, auch vom Autor im Roman so erwähnt wurde, eine Mischung aus "Ready Player One" und "Der König und Ich" sein soll. Die Handlung kann eigentlich kurz umrissen werden; John Chu und seine Kollegen von Sherpa Inc. begleiten Kunden in die Welt der Online-Rollenspiele. Anfänger, die keine Lust haben, Wochen in die Entwicklung ihrer Spielfigur zu investieren, können bei John einen High-End-Charakter mieten und entsprechend ausgerüstet in den virtuellen Kampf ziehen. Andere Kunden kaufen die Profis von Sherpa Inc. als Privatarmee ein, wenn ein besonderer Feldzug ansteht. Als eines Tages John für einen Spezialauftrag angefragt wird, geraten die Ereignisse aus dem Ruder. Der mysteriöse "Mr. Jones" zahlt gut. So gut, dass John sich bald fragt, wen er dort durch virtuelle Welten führt. Als er ahnt, dass es sich um den Nordkoreanischen Diktator Kim Jong-un handeln könnte wird aus Spaß blutiger Ernst...
Wie bereits bemerkt, dürften sich die Gamer von Ruff ernst genommen fühlen. Aber auch alle anderen nimmt Ruff mit. Jedem Kapitel stellt er Einträge aus imaginären Lexika voran. Auch wenn "88 Namen" in einer nicht allzu fernen Zukunft spielt, kommentiert der Autor hier immer wieder Phänomene, die uns leider nur zu bekannt sind. Ein Eintrag über das "Opium des Volkes" endet mit dem Satz: "Modernere Kandidaten sind Twitter, Amercian Football, Marihuana und Virtual Reality."
Ob die Protagonisten um John Chu, deren Charaktere der Autor gut gezeichnet hat, den Stress, den der neue Kunde in ihr Leben bringt, unbeschadet überstehen, bleibt bis zum Show-down offen. Identitäten werden gefälscht, gewechselt und multipliziert. E-Sports trifft auf Spionage-Thriller und Cybersex auf Verschlüsselung.
Der Spruch ("Im Internet weiß niemand, dass du ein Hund bist") schreibt Matt Ruff schlitzohrigerweise Mark Twain zu. Der hatte natürlich so viel Ahnung vom Internet, wie Schiller vom Fernsehen. In Wirklichkeit stammt der Spruch aus einem Cartoon des Zeichners Peter Steiner im Magazin „New Yorker“ von 1993. Damit tut Ruff hier das, was im Internet schon lange Volkssport ist: "Zitate falsch zuordnen".
Der Roman mit seinem humorigen Stil und guten Dialogen kann mit leichter Hand gelesen werden, er macht Spaß und bleibt bis zum Schluss spannend. Mit diesem Roman hat Matt Ruff wieder mal seinen Ruf als Kultautor (Fool on the Hill, Mirage, G.A.S., Lovecraft Country, etc.) unterstrichen...