Unter Gauchos
Da ich in den letzten Wochen das Glück hatte, in Buenos Aires weilen zu dürfen, und da es mich neben der doch recht konzentrationsintensiven Lektüre von Peter H. Wilsons Monographie über den Dreißigjährigen Krieg auch nach ein wenig Kurzweil dürstete, griff ich kurzerhand zu der auf meinem E-Reader vorrätigen Ausgabe von Karl Mays Reiseerzählungen Am Rio de la Plata und In den Kordilleren, in denen der mitunter als Charlie angesprochene und aus Sachsen stammende Ich-Erzähler wieder einmal eine Menge Abenteuer erlebt, bei denen er freilich auch seine Überlegenheit – sowohl moralisch als auch in den meisten anderen Hinsichten – über all seine Begleiter unter Beweis stellen kann.
Den routinierten Karl-May-Leser mag das nicht schrecken, weiß er doch, daß er meist durch amüsant gezeichnete Nebenfiguren und spannende Abenteuer für die allzu offensichtliche Ungeniertheit, mit der sich der Autor mit seinem Protagonisten identifiziert, und den oberlehrerhaften Ton der Erzählstimme entschädigt wird. In diesen beiden Reiseerzählungen findet eine solche Entschädigung leider nur in sehr begrenztem Umfang statt, denn die Nebenfiguren bleiben, zumindest im ersten Band, recht blaß und auch auswechselbar: Der anfänglich eine Rolle spielende Yerbatero Monteso gerät schon nach im ersten Drittel des Buches in den Hintergrund, und auch für die Schatzsuche, deren Motiv er in die Handlung eingeführt hat, scheint er sich immer weniger zu interessieren. Der Bruder Jaguar, ein Priester, aber auch jemand, der in der Wildnis seinen Mann zu stehen vermag, dient nach einem fulminanten ersten Auftritt ebenfalls bald nurmehr dazu, dem Ich-Erzähler als Folie zur Verfügung zu stehen. Besonders peinlich ist etwa eine Szene, in der der Protagonist seinen neuen Freund mit seiner Fähigkeit, sich ungehört anzuschleichen, verblüfft, da hier die Selbstbeweihräucherung selbst mir als ehemaligem Zigarrenraucher den Atem verschlägt. Im Laufe der im ersten Teil beschriebenen Abenteuer trifft unser Charlie dann auch auf den Kapitän Frick Turnerstick, der eine eine Comic-Relief-Figur hätte werden können – allein schon der Name deutet darauf hin –, der allerdings niemals wirklich eine bedeutsame Szene hat. Überhaupt erscheinen die Begleiter unseres Helden oft wie auswechselbare Pappkameraden, und fast mutet es an, als habe der Autor selbst an manchen Stellen nicht so recht gewußt, was er mit ihnen anfangen sollte.
Auch die Handlung wirkt insgesamt trotz einiger spannender Episoden unausgegoren: Einerseits gibt es die Geschichte um die Teesammler und den Schatz, die mit einem vom Ich-Erzähler vermuteten Verbrechen, begangen von einem berühmten Andenführer, dem „Sendador“, zusammenhängt, doch andererseits gibt es da auch die Ähnlichkeit des Protagonisten mit einem argentinischen General, die ihn in politische Machtkämpfe zu verwickeln droht und dafür sorgt, daß weite Strecken des ersten Bandes von Auseinandersetzungen zwischen Charlie und einem Guerilla-Offizier namens Cadera bestimmt werden. Dieser Cadera – sowie überhaupt der politische Plot – verschwinden allerdings in der Folge.
Lachen mußte ich allerdings angesichts der wiederholt angebrachten Hinweise darauf, daß unser Erzähler des Spanischen so gut mächtig ist, daß er für einen Einheimischen gehalten wird. Zunächst einmal will er diese Sprache in Mexiko gelernt haben. Damit ist es allerdings völlig ausgeschlossen, daß ein Argentinier oder Uruguayo ihn für einen Landsmann halten würde, denn gerade die argentinischen Dialekte haben so ihre Eigenheiten. Alsdann offenbart das vom Erzähler eingesprenkelte Spanisch des öfteren so seine Unkenntnis, beispielsweise wenn er – jedenfalls in der Originalfassung – fortwährend des Wort „crocodilo“ benutzt, nicht wissend, daß das „r“ im spanischen Äquivalent des Wortes ein wenig nach hinten rutscht.
Tja, so geschah es denn, daß ich nach anfänglichem Lesen doch recht bald mich bei dem Gedanken ertappte, daß man zu Ende bringen müsse, was man angefangen hat – eigentlich nicht wirklich ein Kompliment an ein Buch. An die Orient-Geschichten Mays reicht dieser Roman jedenfalls nicht heran.